Gallige Enzyklopädie
Wir sind allesamt verrückt, nicht
sporadisch, sondern immer": Der das schrieb,
beanspruchte für sich selbst keine Ausnahme. Unter
all den Toren war Robert Burton (1577 bis 1640)
der Narr, der mit spöttisch-scharfer Zunge den
ganz normalen Irrsinn der Welt sezierte. Zum
Beispiel so: "Der Mord, für den ein Mensch im
Privatleben mit der eigenen Hinrichtung bezahlt,
wird zum Zeichen der Mannhaftigkeit, wenn er im
Krieg in aller Öffentlichkeit verübt wird, und die
Beteiligten werden dafür belobigt."
Ob derlei grimme Wahrheiten in Deutschland
sauer aufstießen? Jedenfalls mußten dreieinhalb
Jahrhunderte vergehen, ehe jetzt ein Hauptteil von
Burtons Narrenspiegel auf deutsch vorliegt. Spät
genug, aber nicht zu spät. Erschienen 1621, ist
seine legendäre "Anatomy of Melancholy" bis heute
eine einzigartig unterhaltsame Schule des
Pessimismus geblieben.
Sie war das Lebenswerk eines kleinen
anglikanischen Geistlichen und Theologen, der bis
zur Veröffentlichung seines opus magnum als
akademischer und literarischer Versager galt; ein
paar Gelegenheitsgedichte und ein von der Kritik
höhnisch verrissenes Theaterstück - das war vor
dem Erscheinen des nachtschwarzen Buches sein
ganzes OEuvre.
Dann aber machte ihn die "Anatomie der
Melancholie" berühmt. Burton hatte einen Bestseller verfaßt, der es bis zu
seinem Tode auf fünf Auflagen brachte. Unermüdlich
ergänzte und überarbeitete er sein Werk, bis es in
der Ausgabe letzterhand auf gut 1300 Seiten
angewachsen war. Ein Jahrhundertbuch, das Brevier
einer ganzen Epoche.
Weltekel, Wankelmut, das Gefühl, in einer
unaufhörlichen Tragikomödie der Irrungen und
Wirrungen zu leben - eben die großen, auch
modischen Leiden des Zeitalters Shakespeares, des
melancholischen Zeitalters schlechthin: In Burton
fanden sie ihren besessensten und gelehrtesten
Kommentator.
Hagestolz, Misanthrop und Büchernarr, der er
war, hatte er sich völlig in seiner Bibliothek
vergraben. Und dort unternahm er auch seine
Erkundungsfahrt durch die Labyrinthe der
Schwermut. Ein Abenteurer im Universum der Worte.
Zitierwütig und erzählsüchtig trug er alles
zusammen, was je seit der Antike über die Ursachen
und Symptome der Melancholie behauptet worden war,
und das war mehr, als in dürre wissenschaftliche
Begriffe paßte.
Melancholie, darunter verstand man damals
einen Schwarm von Manien und Qualen, denen nur das
eine gemeinsam schien: eine heillose Konfusion der
Körpersäfte und des Geistes. Doch wodurch
ausgelöst? Durch alles und jedes: durch den
Einfluß der Gestirne, falsche Ernährung oder
verdorbene Luft; durch Habgier, Ehrgeiz oder Haß;
durch Armut, Unglück oder Not.
Eine in sich stimmige Pathologie ergab sich
daraus nicht. Dafür aber gelang Burton ein weitaus
faszinierenderes Kunststück: Unter seiner Feder
verwandelte sich das zusammengelesene Chaos von
Krankenberichten, Anekdoten und Mutmaßungen in
eine unerschöpfliche Universalgeschichte des
menschlichen Elends. Fast ein Roman und jedenfalls
so mitreißend, daß sie gar ihren eigenen Autor
überwältigte.
Burton hatte an sein Mammutprojekt die
Hoffnung geknüpft, sich selbst damit gegen die
Melancholie wappnen zu können. Christlicher
Tradition gemäß rechnete er sie zu den sieben
Todsünden.
Doch statt schreibend die Melancholie zu
verscheuchen, schrieb Burton sie unaufhaltsam
herbei, denn die "Anatomie der Melancholie" mündet
in die Rechtfertigung der Verzweiflung: als einzig
vernünftige Reaktion auf die unausrottbare
Unvernunft der Menschheit. Und sie gipfelt in dem
Satz, daß "es das Beste ist, nie geboren zu sein,
und am zweitbesten, schnell wieder zu sterben".
Burton ließ seiner Diagnose allem Anschein
nach die Tat folgen. Nachdem er gestorben war,
wollten Gerüchte über Selbstmord nämlich nicht
verstummen: Es war exakt jenes Datum, das er
selbst in einem Horoskop als seinen Todestag
vorausgesagt hatte.
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